03.02.2013

Zeit- und Leistungsdruck in der Arbeitswelt


Soeben veröffentlichte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) einen auf einer breiten Erhebung beruhenden "Stressreport 2012" der sofort große Aufmerksamkeit bekam.

Grund für breite öffentliche Reaktion ist einmal der offensichtliche Bezug zur aktuellen Diskussion über zunehmende psychische Erkrankungen in der Gesellschaft, die von vielen Beobachtern mit dem Wandel von Arbeit in Verbindung gebracht werden. Das in diesem Zusammenhang heftig und kontrovers debattierte Stichwort "Burnout" wirft ein Schlaglicht auf diesen Zusammenhang. Der Report zeigt einmal mehr, dass die u.a. von den Krankenkassen beobachte drastische Steigerung von Depressions- und Überlastungssymptomen und ihr Zusammenhang mit dem Strukturwandel der Arbeitswelt kein "Mythos" oder gar eine "Phantomsschmerz" ist, wie manche (aus mehr weniger durchsichtigen Interessen heraus) meinen - wenn sie nicht gar die Probleme zur reinen Privatsache erklären, wie etwa der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt.

Ein zweiter Grund für die große Beachtung des Stressreports ist offensichtlich, dass Arbeitsministerin von der Leyen dieses Thema gezielt aufgreift und (z.B. mit dem "Stressreport") versucht nicht nur sich persönlich zu profilieren, sondern im Vorfeld der anstehenden Wahlen Themen zu besetzen, die genuin sozialdemokratische (und teilweise grüne sowie linke) Wähler anziehen soll und damit vielleicht sogar das Terrain für mögliche neue Koalitionen bereiten kann.

Auffallend ist, dass Ministerin von der Leyen anscheinend versucht hat, für die Veröffentlichung des Reports ein Art große Koalition der der "Tarifpartner" zusammenzubringen, die den Report und daraus evtl. folgenden politischen Perspektiven mitträgt. Zumindest nach Aussagen des DGB ist dies an Einwänden der Arbeitgeber gescheitert (vgl. dazu den DGB-Chef Michael Sommer in einem bemerkenswerten Interview, in dem er u.a. in vorbildlicher Weise von seinen eigenen Arbeitsbelastungen).

Wie auch immer, im Parlament werden im Moment an verschiedenen Stellen Gesetzesinitiativen vorbereitet, die das Thema "Burnout" aufgreifen sollen, etwa in Form einer "Anti-Stress-Verordnung". Bemerkenswert ist, dass dabei eine Art Konkurrenz zwischen dem konservativen und den oppositionellen Lager entsteht: wer kann mit stärkerer öffentlicher Beachtung und Glaubwürdigkeit das Thema besetzen. Es bleibt abzuwarten, was daraus wird.

Ich selber bin sehr skeptisch, ob mit einer schlichten "Verordnung" und punktuellen Maßnahmen dem Problem der wachsenden Überlastung in der Arbeitswelt begegnet werden kann. Siehe hierzu mein Interview auf tagesschau.de "Wir brauchen eine neue Führungskultur".

In einem aktuellen Forschungsprojekt zum Thema "Zeit- und Leistungsdruck" (PULs= "Professioneller Umgang mit Zeit- und Leistungsdruck") werden wir in den nächsten Monaten, den zunehmenden "Zeit- und Leistungsdruck" mit qualitativen Methoden der Sozialforschung und Betriebsfallstudien und Tätigkeitsanalysen in drei Branchen (Ärzte im Krankenhaus, Fachkräfte eines Verkehrsdienstleistungsunternehmens, Lehrkräfte in der Weiterbildung) untersuchen. Wenn wir mehr wissen, werde ich hier darüber berichten.

Ein demnächst erscheinender Aufsatz könnte in diesem Zusammenhang interessieren: G. Günter Voß und Cornelia Weiß "Burnout und Depression – Leiterkrankungen des subjektivierten Kapitalismus oder: Woran leidet der Arbeitskraftunternehmer?" (In: Sighard Neckel und Greta Wagner (Hg.): Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft. Frankfurt a.M.: Edition Suhrkamp 2013)